Menschen im Blickpunkt: Oliver Rückemann 1


Oliver Rückemann ist ein begnadeter schreiber von Büchern sowie von Artikeln über aktuelle Themen. Auf die Umwelt achtet er so gut es geht aber ohne zu “verbissen” zu sein. Trotzdem genießt er sein Leben noch in vollen Zügen:

 Oliver RückemannWas machst du für Projekte aktuell und was hast du noch vor?

Gerade haben wir eine Genossenschaft gegründet, in der ich als Vorstand tätig bin. Wir entwickeln Projekte im Kontext Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien. Konkret heißt das zum Beispiel, dass wir die Planung von Gebäuden übernehmen, sie so nachhaltig und klimafreundlich wie möglich und außerordentlich energieeffizient gestalten. Wann immer möglich werden sie darüber hinaus energieautark. Und das ist fast immer möglich. Auch Sanierungen von Bestandsgebäuden führen wir nach diesem Schema durch. Die Kompetenz, die wir in unseren Reihen hierzu bündeln, ist einzigartig. Ich bin sehr stolz, dass es uns gelungen ist, diese außergewöhnlichen Experten für unsere Genossenschaft zu begeistern. Es ist Zeit aktiv zu handeln.

Kannst du auch bei deinem Beruf auf die Umwelt achten? Wirtschaftest du mit deinem Verlag nachhaltig?
Bislang konnte ich das in meinem Job nicht. Oder zumindest bei weitem nicht in dem Maße, wie ich das gerne machen hätte wollen. Als ich noch als freier Berater in die Unternehmen gegangen bin, habe ich nur innerlich mit dem Kopf schütteln können. Die Unternehmen können problemlos 50% Energie und 40% Verbrauchsmaterial einsparen, wenn sie bewusster damit umgehen würden. Und das ist nicht übertrieben. Ernst Ulrich von Weizsäcker hat in „Faktor Fünf“ gezeigt, dass sogar Einsparungen von 80% in vielen Bereichen kein Problem sind. Aber die Realität sieht sehr anders aus.
In meinem Verlag habe ich das sehr konsequent umgesetzt. Die Hörbücher, die wir verlegen, sind so nachhaltig und umweltfreundlich produziert, wie es geht. Ich habe unsere Produzenten fast in den Wahnsinn getrieben. Aber ich wollte mich nicht mit halbherzigen Kompromissen zufrieden geben.
Das Buch „Ökolution 4.0“ ist auf reinem Recycling-Papier mit den so genannten „earth colors“ gedruckt – Farben rein auf Eisen- und Erdbasis, die ökologisch zu 100% abbaubar sind – und der gesamte Druckvorgang verzichtet auf petrochemische Zusätze. Ich habe damit den Beweis geliefert, dass eine umweltfreundliche Produktion sehr wohl möglich ist. Aber die hat ihren Preis. Der Druck hat sehr genau doppelt so viel gekostet, wie konventioneller Druck. Das liegt vor allem an der extrem geringen Nachfrage. Es ist interessiert einfach noch immer nur wenige. Den Kunden ist noch immer zu großen Teilen völlig egal, wie die Produkte hergestellt werden.
Würden mehr Firmen unseren Weg gehen, würden diese Verfahren natürlich auch preisgünstiger werden. Aber dafür müsste die Nachfrage auf Konsumentenseite steigen. Der Konsument entscheidet.

Lebst du Privat auch umweltfreundlich und wenn ja wie?
Ja, ich lebe so umweltfreundlich und nachhaltig, wie es mir möglich ist. Ich bin ganz sicher noch nicht perfekt, aber schon recht gut. Unter anderem bin ich Vegetarier, esse nur sehr selten Fisch (1 Mal im Quartal etwa) und meide tierische Proteine, wo ich kann. Das ist bei einer Körpergröße von 1,94m eine Herausforderung, da ich zusehen muss, wie ich genug Kalorien bekomme. Auch das Vitamin B12 ist eine Herausforderung. Es ist vor allem in Eiern und – für Veganer – in Mungbohnensprossen enthalten. Ansonsten habe ich seit fünf Jahren kein Auto mehr, fahre vor allem Fahrrad und mit dem öffentlichen Nahverkehr, vermeide Müll, wo es geht, spare Energie, wo möglich und verbrauche nur das, was unbedingt notwendig ist. Aber damit möchte ich nicht ausdrücken, dass ich asketisch in einem Erdloch hause. Genießen ist ein ganz wichtiger Faktor in meinem Leben. Ich liebe es ausgiebig zu kochen. Die vegetarische und vegane Küche kann unglaublich schmackhaft sein. Dazu einen guten BIO-Wein und die Lebensqualität stimmt. Lebensqualität ist ein essenzieller Faktor für mich. Allein deswegen konsumiere ich extrem bewusst. Essen ist bei mir ausschließlich BIO. Am liebsten Demeter. Das ist nicht nur gut für die Umwelt, da hier auf Pestizide und petrochemische Dünger verzichtet wird, sondern auch noch gesund und qualitativ sehr hochwertig. Es hat seinen Preis, relativiert sich aber wieder, da ich kein Fleisch kaufe. Die Lebenshaltungskosten sind, soweit ich es beurteilen kann, sehr moderat. Umweltbewusstes Leben muss nichts mit Verzicht zu tun haben, sondern ist im Idealfall eine persönliche Weiterentwicklung. Wobei ich bei BIO betone, dass ich damit nicht die Angebote von konventionellen Supermarktketten und Discountern meine.

Wenn man nach dir “googelt“ findet man unter anderem dieses Buch: Ökolution 4.0 erzähl uns etwas davon
Das Buch kommt sehr von Herzen. Es war ursprünglich als eine Art Anleitung zu nachhaltigem Wirtschaften gedacht – also warum nachhaltiges Wirtschaften besonders wirtschaftlich sehr viel Sinn macht. Was Unternehmen nach wie vor zu großen Teilen nicht begreifen ist, dass Nachhaltigkeit einen klaren Wettbewerbsvorteil bedeutet, wenn sie clever umgesetzt wird. Aber bei meinen Recherchen und dem Entstehen des Buches konnte ich nicht anders und musste meinem Naturell nachgeben. Ich kann die Dinge nicht isoliert sehen, sondern muss sie immer in einen umfassenden Kontext setzen. Entsprechend wurde das Buch am Ende etwas sehr anderes, als das, was es ursprünglich hätte sein sollen: es ist eine detaillierte und umfängliche Gegenwartsanalyse.
Wie ich immer wieder postuliere, müssen wir die Probleme unserer Realität wirklich verstehen, wenn wir sie lösen wollen. Dazu müssen wir den Mut haben, uns selbst und das System, das wir jeden Tag zusammen erschaffen und aufrecht erhalten, infrage zu stellen. Wenn wir diesen Mut aufbringen, können wir verstehen, dass wir mit dem Beginn der Industrialisierung jeden Tag Bedingungen mit gestalten, die für jeden von uns schädlich sind. Wir sägen artig und stetig an dem Ast, auf dem wir selbst sitzen. Aber – und das ist wichtig – wir sind nicht einfach nur dumm. Durch die Sozialisierung entziehen wir uns systematisch die Fähigkeit, den Irrsinn zu begreifen, den wir täglich mitgestalten. Es gibt sehr intelligente und fähige Frauen und Männer, die trotz ihrer Intelligenz nicht in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen, die für sie selbst und die Welt, in der wir alle Leben, gut sind. Warum?
Wir werden in eine Wahrnehmungsverschiebung hinein erzogen, für die es einen Ausdruck gibt: kognitive Dissonanz. Wir wissen sehr wohl, dass wir jeden Tag das Falsche tun und tun es trotzdem. Die Zusammenhänge, auch die geschichtlichen, und Lösungvorschläge für einen Weg, der aus diesem Wust herausführt, finden sich in dem Buch. Aber Vorsicht: wer es liest kommt in die Gefahr, etwas ändern zu müssen. Das ist genau, was die Menschen am meisten fürchten: Veränderung.

Wie bist du zum Bücherschreiben gekommen?
Gute Frage. Schreiben war schon immer eine Passion von mir. Ich liebe Sprache und das mich darin Üben, sie zur präzisen Form das Ausdrucks von Gedanken, Gefühlen und Energie zu machen. Aber lange Zeit habe ich es nicht geschafft, die Inhalte zu strukturieren und so umfänglich auszudrücken, dass daraus ein Buch hätte werden können. Dann habe ich eine Serie von Büchern gelesen, die mich tief bewegten. „EXIT“ von Meinhard Miegel, danach „Haben oder Sein“ von Erich Fromm. Beim Lesen dieses Buches bin ich in eine Art Schock verfallen. Es wurde 1976 veröffentlicht und damals forderte Fromm, dass sich jetzt – also 1976! – etwas ändern müsse, wenn die Welt nicht in Müll und Chaos versinken soll. Das Buch ist ganz sicher stark durch den Bericht des Club of Rome von 1974 „Die Grenzen des Wachstums“ beeinflusst worden. Aber seither sind die Dinge nicht besser geworden, sondern erheblich schlimmer. Ich konnte gar nicht anders, als die Inhalte, mit denen ich etwa fünf Jahre intensiv schwanger gegangen war, auszudrücken und die Ökolution zu schreiben. Nach Beendigung des Buches, bei dessen Schreiben es mir nicht immer gut ging, durfte ich feststellen, dass ich auch persönlich eine erhebliche Entwicklung gemacht hatte. Nicht zuletzt, weil ich während des Schreibens 40 Bücher nebenher gelesen hatte, die viel in mir veränderten. Ich durfte einmal mehr feststellen, dass auch mein Konsumverhalten dazu beitrug, alles so zu erhalten, wie es ist. Nach dem Buch habe ich meinen Lebensstil radikal verändert. Danach habe ich das Buch „Steve Jobs – Warum Geld nicht reich macht“ geschrieben. Denn was in der Ökolution klar geworden ist: wir konsumieren vor allem, weil wir uns aufwerten wollen und müssen. Als Steve Jobs mit 56 starb, wurde mir einmal mehr klar, dass wir uns Glück nicht kaufen können. Ebensowenig wie Gesundheit. Da ich selbst eine sehr heftige Biografie habe, wurde mir klar, dass ich meine Erfahrungen durch meine Bücher weitergeben kann. Die Rückmeldungen seither waren so positiv, dass es mir fast peinlich war. Eine Leserin meinte sogar, die Ökolution sollte ein Pflichtbuch für die Oberstufe werden und Steve Jobs sei ein Leitfaden für eine persönliche Therapie. Professor Arno Gruen hat mir einen Brief geschrieben, in dem er ausdrückt, dass mein Wissen und meine Fähigkeit, die Mechanismen und Zusammenhänge zu sehen sowie auszudrücken, außergewöhnlich sind. Das war ein Ritterschlag für mich. Ich bin mindestens vier Zentimeter gewachsen nach diesen Worten. Eine unglaubliche Ehre.
Gerade schreibe ich an meinem ersten Roman. Das ist eine völlig andere Welt. Hier kann ich Menschen, Gefühle und Interaktion gestalten, Erleben in verschiedene Figuren packen und sie imaginär entdecken lassen. Es ist irre, was das in mir bewegt. Es ist eine unglaubliche Art der Selbstreflexion. Es hat etwas heilendes und meditatives.

Erzähl etwas von deinem neuen Konzept für deinen Blog
Da gibt es gar nicht so viel zu erzählen. Mein Versuch, eine unabhängige Internet-Zeitung ins Leben zu rufen, ist kläglich gescheitert. Viele Autoren zeigten sich interessiert, lieferten aber so gut wie keine Beiträge. Da die Zeitung im Grunde mein persönlicher Blog blieb, habe ich sie wieder eingestampft und schreibe nun unter www.rueckemann.com.
Es sind persönliche Betrachtungen zu tagesaktuellen Themen, vor allem Politik, Wirtschaft und Umwelt. Im Grunde ist der Blog ein Ventil, um mit dem Kasperletheater, das wir Politik nennen, umgehen zu können.
Wobei ich immer wieder die Erfahrung mache, dass meine Sichtweise für viele ungewöhnlich und sehr besonders ist. Ich blicke oft in staunende Gesichter, wenn ich darlege, was ich in den Geschehnissen sehe. So mancher hat mich als unrealistischen Spinner abgestempelt. Auch wenn sich hinterher in der Regel herausgestellte, dass ich goldrichtig lag. Die Nachfragen zeigen oft, dass ich zum Nachdenken anrege und neue Perspektiven eröffne. Und das, obwohl ich das heute so gar nicht mehr beabsichtige. Noch als ich die Ökolution schrieb, wollte ich der Welt erklären, was sie falsch macht, andere belehren. Inzwischen habe ich begriffen, dass das weder geht, noch richtig ist. Trotzdem bleibt es ein sehr gutes Buch, in dem ich heute selbst Schwarz auf Weiß nachlesen kann, wie präzise ich politische und gesellschaftliche Entwicklungen vorhersehe. Vieles von dem, was heute Realität ist, habe ich nachlesbar treffsicher prognostiziert.
In meinen Blog-Artikeln beleuchte ich immer wieder, was gerade passiert und liefere meine Einschätzung, wie sich die Dinge wahrscheinlich weiter entwickeln werden. Jeder ist herzlich eingeladen, sich selbst davon zu überzeugen. Aber auch hier Vorsicht: ich rüttle nur allzu gern an konventionellen Vorstellungen. Auf den ein oder anderen wirkt das mitunter radikal und zum Teil sogar provokativ.

Hier nochmal herzlichen dank an Oliver Rückemann, der dieses Interview erst ermöglicht hat!


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Ein Gedanke zu “Menschen im Blickpunkt: Oliver Rückemann

  • Linni Lind

    gerne gelesen. Wo gibt es sonst einen Autor, der nicht nur sagt wie es ist, sondern darüberhinaus auch noch Perspektiven oder Antworten aufzeigt?